Perspektiven
Ich weiß nicht, was ich will – wie finde ich heraus, was wirklich zu mir passt?
Warum uns viele Möglichkeiten manchmal eher lähmen als befreien – und was helfen kann, wenn die eigene Richtung gerade nicht klar ist.

Eigentlich leben wir in einer ziemlich komfortablen Zeit, wenn es darum geht, unser Leben selbst zu gestalten. Zumindest für viele von uns sind die Möglichkeiten enorm: Wir können den Beruf wechseln, in eine andere Stadt oder ein anderes Land ziehen, Kinder bekommen oder keine bekommen, allein leben, eine Familie gründen, in eine Gemeinschaft ziehen, Karriere machen, uns selbstständig machen oder mit dem Camper durch Europa fahren. Das ist ein großes Privileg. Es kann aber auch ganz schön überfordernd sein.
Denn wo es viele Möglichkeiten gibt, gibt es auch viele Möglichkeiten, sich vermeintlich falsch zu entscheiden. Wenn mir theoretisch alle Türen offenstehen, bin ich schließlich auch selbst dafür verantwortlich, durch die richtige zu gehen. Und wenn ich nicht glücklich bin? Habe ich dann einfach die falschen Entscheidungen getroffen oder meine Möglichkeiten nicht richtig genutzt?
Social Media macht es nicht unbedingt leichter. Dort bekommen wir täglich mit, was Menschen überall auf der Welt aus ihrem Leben machen. Eine kauft sich eine Farm in Portugal, der nächste reist im Camper um die Welt, jemand eröffnet einen Lebenshof und wieder jemand anderes macht eine beeindruckende Karriere. Das kann inspirierend sein. Gleichzeitig entsteht schnell das Gefühl, dass alle anderen irgendeinen besonders spannenden Weg gefunden haben.
Und dann sitzt man da mit seinem eigenen Leben und fragt sich: Was will ich eigentlich?
Welcher Wunsch gehört eigentlich zu mir?
Wir treffen unsere Entscheidungen natürlich nicht im luftleeren Raum. Wir haben Vorstellungen davon gelernt, wie ein gelungenes Leben aussieht, und auch heute gibt es noch ziemlich klare gesellschaftliche Meilensteine. Gerade Frauen zwischen 30 und 40 begegnet häufig ein recht klassisches Drehbuch: Partnerschaft, Hochzeit, Kinder, vielleicht irgendwann das eigene Haus. Niemand muss einem ausdrücklich sagen, dass man diesen Weg einschlagen sollte. Solche Vorstellungen können trotzdem erstaunlich wirksam sein.
Dazu kommen die Lebensentwürfe, die wir bei Freund:innen, Kolleg:innen oder online beobachten. Manches davon spricht tatsächlich einen eigenen Wunsch an. Manches finden wir vor allem schön, weil es bei jemand anderem schön aussieht. Und manches glauben wir wollen zu müssen, weil es uns so vertraut ist. Gar nicht so einfach, zwischen all diesen Einflüssen die eigene Stimme herauszuhören.
Wenn mehrere Stimmen gleichzeitig mitreden
Eine meiner liebsten Methoden aus dem systemischen Coaching ist das Innere Team, ein Modell des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun. Die Idee dahinter: In uns wirken unterschiedliche innere Anteile, die ihre eigenen Bedürfnisse, Werte, Wünsche, Überzeugungen oder Ängste mitbringen.
Bei einer schwierigen Entscheidung könnte das zum Beispiel so aussehen: Ein Teil sehnt sich nach Veränderung und Abenteuer. Ein anderer möchte Sicherheit. Vielleicht gibt es einen sehr vernünftigen Anteil, der schon eine Excel-Tabelle mit allen Risiken anlegen möchte, und irgendwo weiter hinten meldet sich zaghaft eine Stimme, die mit Vernunft gerade überhaupt nichts anfangen kann. „Ich weiß nicht, was ich will“ kann also auch heißen: Ich will verschiedene Dinge, die gerade nicht besonders gut zusammenpassen.
Im Coaching kann man diese Anteile sichtbar machen und ihnen Raum geben. Welche Stimme meldet sich sofort? Welche ist so leise, dass sie normalerweise untergeht? Was möchte ein Anteil erreichen, wovor möchte er schützen, was braucht er? Wichtig finde ich dabei den Gedanken, dass alle Mitglieder dieses inneren Teams grundsätzlich für uns sind. Auch der ängstliche Anteil, der eine Veränderung am liebsten verhindern würde, hat eine gute Absicht. Er möchte uns vielleicht vor einer Enttäuschung bewahren, Sicherheit herstellen oder dafür sorgen, dass wir nichts aufs Spiel setzen, was uns wichtig ist.
Es geht also nicht darum, einzelne Stimmen loszuwerden oder stummzuschalten. Ich möchte lieber verstehen, welche Funktion sie erfüllen und was sie brauchen. Eine Entscheidung kann am Ende auch dann stimmig sein, wenn nicht jedes innere Teammitglied begeistert die Arme hochreißt. Ich kann verstehen, warum ein Teil von mir Angst hat, und mich trotzdem für einen neuen Weg entscheiden. Ich kann Sicherheit wichtig finden und gleichzeitig mehr Freiheit wollen. Vielleicht kann ich meiner Angst dann sagen: Ja, du bist da. Ich verstehe, wovor du mich schützen möchtest. Und ich mache es trotzdem.
Entscheidungen treffen kann man üben
Wir lernen erstaunlich wenig darüber, wie man eigentlich Entscheidungen trifft. Also machen viele von uns das, was naheliegt: Wir denken nach, schreiben vielleicht eine Pro-und-Contra-Liste, sprechen mit Freund:innen – und denken noch ein bisschen mehr nach. Bei größeren Lebensfragen kommt man damit irgendwann nicht mehr weiter. Dann lohnt es sich, auch darauf zu achten, was verschiedene Möglichkeiten in einem auslösen.
Das lässt sich schon bei ziemlich banalen Dingen üben: Was möchte ich heute essen? Habe ich Lust, heute Abend noch auszugehen? Möchte ich dieses Wochenende wirklich verplanen? Man kann sich verschiedene Optionen vorstellen und kurz beobachten, was passiert. Entsteht Vorfreude? Widerstand? Ruhe? Anspannung? Fühlt sich etwas weit an oder zieht sich eher alles zusammen?
Der Körper ist natürlich kein eingebautes Orakel. Angst kann sich auch dann melden, wenn etwas eigentlich gut zu uns passt, aber neu und ungewohnt ist. Trotzdem lohnt es sich, diese Reaktionen wahrzunehmen. Auf einer Pro-und-Contra-Liste tauchen sie schließlich nicht auf.
Eine Nummer kleiner geht auch
Die Frage „Was will ich wirklich vom Leben?“ ist vielleicht manchmal schlicht zu groß. Ich kann auch erst einmal schauen: Was gibt mir Energie – und was zieht mir Energie? Welche Tätigkeiten tun mir gut? Nach welchen Begegnungen fühle ich mich energiegeladen und nach welchen ausgelaugt? Wie viel Ruhe brauche ich, wie viel Kontakt? Wann fühle ich mich lebendig? Was fehlt mir immer wieder?
Oder noch konkreter: Wie sieht für mich eigentlich ein guter Tag aus? Nicht der perfekte Tag im Urlaub, an dem morgens jemand das Frühstück ans Bett bringt und anschließend sämtliche Verpflichtungen aus meinem Kalender verschwunden sind. Ein ganz normaler Dienstag. Wie würde ich arbeiten? Mit wem wäre ich zusammen? Wie viel Zeit hätte ich für mich? Was würde ich am Abend gerne über diesen Tag denken? Unser Leben besteht schließlich zu einem ziemlich großen Teil aus solchen ganz normalen Tagen.
Aus vielen guten Tagen wird irgendwann ein gutes Leben.
Den kleinen Zeh ins Wasser strecken
Einige Fragen lassen sich im Kopf einfach nicht besonders gut beantworten. Nehmen wir an, jemand fragt sich, ob gemeinschaftliches Wohnen zu ihm passen könnte. Man kann Erfahrungsberichte lesen, Wohnprojekte recherchieren und sämtliche Vor- und Nachteile durchdenken. Irgendwann ist es wahrscheinlich aufschlussreicher, eine Gemeinschaft zu besuchen, mit Menschen dort zu sprechen oder eine Weile probeweise dort zu leben.
Ich nenne das gerne: erst einmal den kleinen Zeh ins Wasser strecken. Viele Veränderungen lassen sich in einer kleineren Version testen. Wer über einen beruflichen Wechsel nachdenkt, kann einen Kurs besuchen oder mit jemandem aus dem Bereich sprechen. Wer sich einen anderen Wohnort vorstellen kann, kann dort eine Weile verbringen. Wer sich nach mehr Gemeinschaft sehnt, muss nicht morgen in eine Kommune ziehen.
Dann kann ich tatsächlich beobachten, was die Erfahrung mit mir macht. Wie geht es mir hier? Was überrascht mich? Was hatte ich mir schöner vorgestellt? Und was fühlt sich viel selbstverständlicher an als gedacht?

Ich weiß es gerade noch nicht
Wir müssen nicht zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens wissen, wo es als Nächstes hingeht. Manchmal wissen wir zunächst nur, was wir nicht mehr wollen. Ich kenne das zum Beispiel aus meiner Zeit in Hamburg. Irgendwann wusste ich ziemlich deutlich, dass ich nicht dauerhaft in einer Großstadt leben möchte. Was ich stattdessen wollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Solche Übergänge sind unbequem. Das Alte passt nicht mehr richtig, das Neue ist aber noch nicht da. Diesen Zwischenraum möchten wir verständlicherweise gerne möglichst schnell schließen. Vielleicht muss er aber eine Weile offenbleiben. Meditation und Achtsamkeit helfen mir persönlich auch deshalb, weil ich dabei übe, erst einmal wahrzunehmen, was gerade da ist. Nicht jedes unangenehme Gefühl braucht sofort eine Lösung.
Das gilt auch für Unzufriedenheit. Manche Situationen können wir nicht oder nur sehr begrenzt verändern. Dann stellt sich eher die Frage, wie wir mit dem umgehen möchten, was gerade da ist. Und wenn tatsächlich eine Veränderung ansteht, muss die neue Richtung trotzdem nicht sofort feststehen. Für den Moment reicht vielleicht ein bisschen Neugier: Welche Stimmen reden da eigentlich mit? Was gibt mir Energie? Wie würde ein guter Dienstag aussehen? Was könnte ich ausprobieren, ohne gleich mein ganzes Leben umzukrempeln?
Ich weiß es gerade noch nicht.
Damit lässt es sich eine Weile leben.
Du musst nicht alles allein im Kopf lösen.
Manche Fragen brauchen Zeit. Und manchmal hilft es, sie nicht nur mit sich selbst auszumachen. Im systemischen Coaching schaffen wir Raum, um Gedanken zu sortieren, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und herauszufinden, was für dich wirklich stimmig ist.
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