Perspektive 02
Eine wichtige Lebensentscheidung treffen – wenn es keine eindeutig richtige Antwort gibt

Manche Entscheidungen treffen wir, ohne groß darüber nachzudenken. Andere tragen wir wochenlang mit uns herum. Wir reden mit Freund:innen darüber, lesen Erfahrungsberichte, schreiben Listen, schlafen noch eine Nacht darüber und hoffen, dass irgendwann dieser eine Moment kommt, in dem plötzlich alles glasklar ist.
Bei manchen Fragen ist das verständlicherweise schwieriger als bei anderen. Ob ich heute Abend zu Hause bleibe oder noch ausgehe, wird mein Leben vermutlich nicht grundlegend verändern. Ob ich eine Beziehung beende, in eine andere Stadt ziehe, meinen Beruf aufgebe oder Kinder haben möchte, möglicherweise schon. Je größer die möglichen Konsequenzen sind, desto größer wird oft auch der Wunsch, bloß keinen Fehler zu machen. Vielleicht erwarten wir von einer Entscheidung dann etwas, das sie uns gar nicht geben kann: die Sicherheit, schon vorher zu wissen, wie unser Leben danach aussehen wird.
Warum sich Entscheidungen manchmal so endgültig anfühlen
Wenn wir zwischen zwei Möglichkeiten stehen, machen wir daraus im Kopf schnell ein Entweder-oder. A oder B. Wenn ich mich für das eine entscheide, ist das andere weg. Manchmal stimmt das natürlich. Es gibt Entscheidungen, die sich nicht oder nur schwer rückgängig machen lassen. Aber längst nicht jede Entscheidung ist so endgültig, wie sie sich in dem Moment anfühlt. Vielleicht gibt es erst A und irgendwann B, viel von A und ein bisschen von B, eine Zwischenlösung oder eine Möglichkeit C, auf die wir bisher noch gar nicht gekommen sind.
Und manchmal hilft mir noch ein anderer Gedanke: Wenn mir eine Entscheidung wirklich schwerfällt, kann das auch daran liegen, dass beide Möglichkeiten ziemlich gut sind. Wäre eine davon offensichtlich die bessere und die andere eindeutig schlecht, müsste ich vermutlich gar nicht so lange überlegen. Gerade weil ich in beiden Versionen meines Lebens etwas sehe, das ich gerne hätte, fällt die Wahl schwer. Ich finde das erstaunlich entlastend. Dann muss ich vielleicht gar nicht noch länger nach der einen eindeutig richtigen Möglichkeit suchen. Ich entscheide mich zwischen zwei guten Wegen, und auf beiden wird es Dinge geben, die ich gewinne, und Dinge, auf die ich verzichten muss. Ein bisschen Schwund ist eben immer.
Entscheiden heißt auch, etwas zurückzulassen
Diesen Teil von Entscheidungen finde ich besonders interessant, weil wir darüber vergleichsweise wenig sprechen. Wenn ich mich für etwas entscheide, bekomme ich etwas und verabschiede mich gleichzeitig von einer anderen Möglichkeit. Das kann wehtun, selbst wenn ich mit meiner Entscheidung grundsätzlich im Reinen bin.
Wer sich zum Beispiel nach langer Überlegung gegen Kinder entscheidet, kann diese Entscheidung als stimmig empfinden und trotzdem um das Leben trauern, das mit Kindern möglich gewesen wäre. Wer in eine andere Stadt zieht, kann sich sehr auf das Neue freuen und gleichzeitig traurig darüber sein, was zurückbleibt. Vielleicht erwarten wir manchmal zu viel Eindeutigkeit von einer guten Entscheidung, als müsste sie sich komplett gut anfühlen und dürfte keine Zweifel, Angst oder Traurigkeit mitbringen. Dabei können all diese Gefühle gleichzeitig da sein.
Ich finde deshalb den Gedanken schön, einem solchen Abschied tatsächlich Raum zu geben. Vielleicht in einem Gespräch, bei einem Spaziergang, in einem Brief oder sogar mit einem kleinen Ritual. Manchmal hilft es schon, sich bewusst zu machen: Diese andere Möglichkeit war mir wichtig. Und jetzt entscheide ich mich für etwas anderes.
Wenn Nachdenken irgendwann nicht mehr weiterhilft
Bei schwierigen Entscheidungen habe ich schnell den Impuls: Ich brauche noch mehr Informationen. Noch ein Gespräch, noch einen Artikel, noch eine Nacht darüber schlafen. Natürlich gibt es Fragen, bei denen tatsächlich Informationen fehlen. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die nächste Runde Nachdenken keine neuen Erkenntnisse mehr bringt und ich dieselben Argumente nur noch von links nach rechts schiebe.
Vielleicht fehlt dann gar kein Wissen mehr. Vielleicht weiß ich sogar schon ziemlich genau, was ich möchte, traue mich aber noch nicht, es auszusprechen. Denn sobald ich mich festlege, muss ich mich auch mit den Konsequenzen auseinandersetzen. Solange alles offen ist, bleiben theoretisch mehrere Leben möglich. Eine Entscheidung macht aus einer dieser Möglichkeiten irgendwann Realität – und aus anderen eben Möglichkeiten, die ich nicht weiterverfolge.
Manchmal warten wir auch gar nicht auf mehr Klarheit, sondern auf den richtigen Zeitpunkt. Wir haben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welche Bedingungen erfüllt sein müssten, damit sich eine Entscheidung wirklich vernünftig anfühlt: mehr Zeit, mehr Geld, die passende Wohnung, ein sichererer Job oder einfach ein insgesamt etwas aufgeräumteres Leben. Das Problem ist nur, dass dieser ideale Zustand vielleicht nie eintritt. Irgendwann kann deshalb die Frage interessant werden, ob ich lieber noch jahrelang auf die perfekte Variante warte oder mich für eine unperfekte entscheide, die jetzt schon möglich ist. Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie gut wir auch mit Lösungen zurechtkommen können, die nicht unter Idealbedingungen entstanden sind.
Was, wenn es gar nicht nur A oder B gibt?
Eine Methode aus dem systemischen Coaching, die ich für solche festgefahrenen Entscheidungssituationen spannend finde, ist das Tetralemma. Es ist besonders für Situationen gedacht, in denen zwei Möglichkeiten schon in allen möglichen Varianten durchdacht wurden und man trotzdem nicht weiterkommt. In meiner Coaching-Ausbildung haben wir dabei mit fünf Positionen gearbeitet: das Eine, das Andere, beides, keins von beiden und schließlich noch eine weitere Position außerhalb dieses bisherigen Rahmens.
Allein „beides“ und „keins von beiden“ können eine festgefahrene Frage ziemlich durcheinanderbringen. Vielleicht lautet die Entscheidung dann plötzlich nicht mehr nur: Ziehe ich um oder bleibe ich hier? Vielleicht könnte ich erst einmal für einige Monate woanders leben. Vielleicht gibt es einen dritten Ort. Vielleicht merke ich bei „keins von beiden“, dass der Wohnort gar nicht der entscheidende Punkt ist.
Spannend finde ich außerdem, dass die verschiedenen Möglichkeiten beim Tetralemma tatsächlich im Raum ausgelegt und nacheinander eingenommen werden. Man bleibt also nicht nur bei der gedanklichen Auseinandersetzung, sondern nimmt wahr, was an den einzelnen Positionen auftaucht: Wie verändert sich die Atmung? Welche Gefühle, inneren Bilder oder spontanen Impulse entstehen? Was passiert im Körper? Der Körper ist für mich dabei kein eingebautes Orakel, das zuverlässig die richtige Antwort ausspuckt. Ein flaues Gefühl kann bedeuten, dass etwas nicht passt, genauso kann etwas Neues und eigentlich Gewolltes erst einmal Angst machen. Trotzdem finde ich es sinnvoll, diese Reaktionen wahrzunehmen. Je häufiger ich auch bei kleineren Entscheidungen darauf achte, wie sich ein Ja, ein Nein oder etwas dazwischen für mich anfühlt, desto besser lerne ich meine eigenen Reaktionen kennen.

Manche Entscheidungen muss man ein bisschen leben
Wir versuchen erstaunlich viele Lebensentscheidungen vollständig im Kopf zu lösen. Dabei lässt sich manches viel besser herausfinden, wenn wir es für eine Weile ins echte Leben holen. Wenn ich darüber nachdenke, in eine andere Stadt zu ziehen, könnte ich dort zum Beispiel ein paar Tage eine Ferienwohnung nehmen und versuchen, einen möglichst normalen Alltag zu leben. Morgens Brötchen holen, arbeiten, einkaufen, mit dem Hund spazieren gehen, abends durch die Nachbarschaft laufen. Wie ist es, dort aufzuwachen und nicht nur für einen schönen Wochenendtrip zu Besuch zu sein?
Auch eine Entscheidung selbst kann man manchmal probeweise treffen. Für ein paar Tage innerlich davon ausgehen, dass A beschlossen ist, und beobachten, was das mit einem macht. Danach dasselbe mit B. Natürlich lässt sich nicht jede Lebensentscheidung testen, aber erstaunlich viele lassen sich zumindest verkleinern. Ich muss nicht sofort mein gesamtes Leben umwerfen, um eine erste Erfahrung damit zu machen. Manchmal bringt mir ein kleiner Schritt mehr neue Informationen als weitere hundert Runden im Kopf.
Und wenn es am Ende doch ein Fehler war?
Vielleicht steckt hinter dem Wunsch nach absoluter Klarheit auch die Angst, irgendwann zurückzuschauen und zu denken: Das war falsch. Viele von uns haben ziemlich große Angst davor, Fehler zu machen. Als wäre eine falsche Entscheidung ein Beweis dafür, dass wir nicht gründlich genug nachgedacht oder uns selbst nicht gut genug gekannt haben.
Dabei treffen wir Entscheidungen immer mit dem Wissen, den Bedürfnissen und den Möglichkeiten, die wir zu diesem Zeitpunkt haben. Was heute stimmig erscheint, kann in fünf Jahren anders aussehen. Und ja, manchmal treffen wir auch einfach eine Entscheidung, von der wir später sagen: Das würde ich heute anders machen.
Wir dürfen Fehler machen.
Ich glaube inzwischen, dass es meistens besser ist, eine Entscheidung zu treffen und damit möglicherweise auch einmal einen Fehler zu machen, als aus Angst vor Fehlern gar nichts zu tun. Vielleicht lohnt sich deshalb gerade bei großer Entscheidungsangst ein Blick zurück: Welche größeren Entscheidungen habe ich in meinem Leben schon getroffen? Was ist passiert, wenn etwas anders gelaufen ist als erhofft? Konnte ich reagieren, etwas verändern, nachjustieren oder mir Unterstützung holen? Ganz oft unterschätzen wir, wie gut wir mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen umgehen können.
Das heißt auch nicht, dass jeder Fehler im Nachhinein plötzlich ein Geschenk gewesen sein muss. Manche Entscheidungen würden wir rückblickend lieber anders getroffen haben. Aber auch diese Erfahrungen gehören zu unserem Leben, und meistens finden wir einen Weg, mit ihnen weiterzugehen.
Die Entscheidung kann dir niemand abnehmen
Andere Menschen können bei einer Entscheidung helfen. Freund:innen können uns spiegeln, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen können erzählen, wie es ihnen ergangen ist, und auch Coaching kann einen Raum schaffen, in dem verschiedene Möglichkeiten klarer werden. Entscheiden muss am Ende trotzdem die Person, um deren Leben es geht.
Ich mag dafür das Bild einer gemeinsamen Kutschfahrt. Als Coach sitze ich für eine Weile mit auf der Kutsche, stelle Fragen, zeige vielleicht auf eine Abzweigung, die bisher übersehen wurde, oder helfe dabei, die Karte noch einmal anders anzuschauen. Das Gelände kennst du aber besser als ich. Du weißt, wo deine Hügel und Täler liegen, und du bist auch die Person, die später mit der Entscheidung leben wird. So gerne wir diese Verantwortung manchmal abgeben würden: Sie gehört zu unserem eigenen Leben dazu.
Hundertprozentige Sicherheit bekommen wir vor einer großen Lebensentscheidung wahrscheinlich selten. Was wir entwickeln können, ist mehr Vertrauen in uns selbst: Ich weiß genug. Ich kann eine Entscheidung treffen. Und wenn etwas anders kommt, als ich es mir vorgestellt habe, werde ich auch damit irgendwie umgehen.
Vielleicht macht genau dieses Vertrauen Entscheidungen irgendwann ein bisschen leichter.
Du steckst selbst gerade in einer Entscheidung fest?
Im systemischen Coaching können wir gemeinsam anschauen, was dich beschäftigt, welche Möglichkeiten du vielleicht noch nicht siehst und was du brauchst, um deinen eigenen nächsten Schritt zu finden. Die Entscheidung bleibt dabei immer bei dir.
Mehr über mein Coaching