Perspektive 04

Unzufrieden mit dem eigenen Leben – obwohl eigentlich alles okay ist?

Was hinter diesem diffusen Gefühl stecken kann – und warum Unzufriedenheit nicht automatisch bedeutet, dass wir unser ganzes Leben verändern müssen.

Blick durch eine Felsenschlucht auf einen Sandstrand und das Meer im Abendlicht

Eigentlich ist doch alles okay. Vielleicht haben wir einen guten Job, eine schöne Wohnung, Menschen um uns herum, die uns wichtig sind, und müssen uns um viele grundlegende Dinge keine Sorgen machen. Und trotzdem taucht irgendwann dieser Gedanke auf: Warum bin ich eigentlich so unzufrieden mit meinem Leben? Manchmal zeigt sich das als Frust oder Groll, wir sind schneller genervt und unsere Zündschnur wird kürzer. Manchmal fühlen wir uns lustlos oder kommen morgens schwerer in Gang. Gerade wenn es uns objektiv betrachtet gut geht, gesellt sich zur Unzufriedenheit schnell ein schlechtes Gewissen: Eigentlich dürfte ich mich doch gar nicht beschweren. Andere Menschen haben schließlich viel größere Probleme.

Ich glaube, dass wir uns damit selbst nicht besonders weiterhelfen. Gefühle haben für mich keinen moralischen Wert und müssen sich auch nicht dadurch rechtfertigen, dass unsere Lebensumstände schwierig genug sind. Wenn Unzufriedenheit da ist, dürfen wir sie erst einmal ernst nehmen, auch wenn wir gleichzeitig dankbar für vieles in unserem Leben sind. Beides kann nebeneinander existieren. Und aus der Tatsache, dass etwas gerade nicht stimmig ist, folgt noch lange nicht, dass wir morgen kündigen, umziehen oder unser bisheriges Leben auf den Kopf stellen müssen. Unzufriedenheit ist für mich erst einmal ein Hinweis, noch keine Handlungsanweisung.

Warum bin ich mit meinem Leben unzufrieden?

Vielleicht ist genau das der erste Schritt: das Gefühl überhaupt einmal wahrzunehmen, anstatt es wie einen unsichtbaren Rucksack durch den Alltag zu tragen. Wir können eine Weile beobachten, wann es besonders schwer wird und wann es vielleicht sogar verschwindet. Wie fühle ich mich nach einem Arbeitstag? Wie geht es mir nach einem Treffen mit bestimmten Freund:innen, nach einem freien Tag oder nachdem ich einem Hobby nachgegangen bin? Gerade nach Begegnungen finde ich die Frage spannend, ob ich mich hinterher eher beschwingt und leichter fühle oder ausgelaugt und heruntergezogen. Wenn wir genauer hinschauen, wird aus einem diffusen „Irgendwie bin ich unzufrieden“ manchmal allmählich ein klareres Bild davon, welche Bereiche unseres Lebens damit zu tun haben könnten.

Dabei lohnt sich für mich auch die Unterscheidung zwischen dem, was tatsächlich passiert, und unserer Interpretation davon. Wenn eine Freundin sich zum Beispiel länger nicht meldet, ist das zunächst einmal das, was wir beobachten können. Die Geschichte „Ich bin ihr offenbar nicht wichtig“ entsteht erst in uns. Eine andere Erklärung könnte sein, dass sie gerade selbst viel um die Ohren hat oder sich zurückzieht, weil sie Ruhe braucht. Das heißt natürlich nicht, dass wir jede unangenehme Situation schönreden müssen. Aber manchmal verändert sich unser Erleben schon dadurch, dass wir bemerken, welche Bedeutung wir einer Situation geben und ob es noch andere Möglichkeiten gibt, sie zu betrachten.

Unzufriedenheit ist ein Hinweis, noch keine Handlungsanweisung.

Muss ich mein Leben verändern, wenn ich unzufrieden bin?

Wenn wir merken, dass wir unzufrieden mit unserem Leben sind, liegt der Gedanke an Veränderung ziemlich nahe. Gleichzeitig finde ich gerade an diesem Punkt den Gedanken der Genügsamkeit interessant. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Entwicklung fast automatisch positiv besetzt ist: höher, schneller, weiter, der nächste Karriereschritt, das nächste Ziel, die nächste Version von uns selbst. Deshalb lohnt sich für mich die Frage, woher der Wunsch nach Veränderung eigentlich kommt. Gibt es ein echtes Bedürfnis, dem wir schon länger keinen Raum geben? Oder steckt dahinter der Automatismus, dass noch etwas kommen muss, weil wir davon ausgehen, dass mehr irgendwann auch mehr Zufriedenheit bringt?

Ich glaube, wir verschieben unser Glück ziemlich oft in die Zukunft. Wenn ich erst den richtigen Job habe, bin ich glücklich. Wenn ich erst in einer Beziehung bin, wird alles besser. Wenn ich mehr Geld verdiene, in einer anderen Stadt lebe oder endlich dieses eine Ziel erreicht habe, dann kann ich zufrieden sein. Nur wissen wir vorher gar nicht, ob die erhoffte Veränderung tatsächlich das mit uns macht, was wir uns von ihr versprechen. Und vielleicht liegt ein Teil von Zufriedenheit auch darin, wahrzunehmen, was heute schon gut ist, anstatt das eigene Leben ständig als Zwischenstation auf dem Weg zu einer besseren Version zu betrachten.

Genügsamkeit heißt für mich dabei nicht, dass wir uns mit allem abfinden und nichts mehr verändern dürfen. Wenn ich mich mit einer Situation lediglich arrangiere, obwohl sie für mich eigentlich nicht mehr stimmt, bleibt häufig eine Form von Dissonanz oder innerem Widerstand zurück. Genau deshalb finde ich die Motivation hinter einem Veränderungswunsch so interessant. Ich kann mich fragen, ob ich auf etwas zugehe, das mir wirklich wichtig ist, oder ob ich vor allem der Hoffnung hinterherlaufe, dass mein Leben mit der nächsten Veränderung endlich richtig wird. Und natürlich kann die Antwort auch sein, dass etwas tatsächlich nicht mehr passt. Dann darf Veränderung genauso ihre Berechtigung haben wie die Entscheidung, das Gute im Bestehenden wieder bewusster wahrzunehmen.

Eine einzelne Person geht auf einem schmalen Weg durch eine weite, vielfarbige Felslandschaft

Was unter der Oberfläche unserer Unzufriedenheit liegt

Manchmal merken wir bei diesem genaueren Hinsehen, dass es gar nicht nur um die konkrete Situation geht. In meiner Coachingausbildung arbeiten wir dafür mit dem Bild eines dynamischen Eisbergs: Über der Wasseroberfläche liegt das, was von außen beobachtbar ist, darunter wirken unsere Haltungen und Überzeugungen darüber, wer wir sind, wie andere Menschen sind und wie das Leben funktioniert. Das können Sätze sein wie „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin unwichtig“ oder „Ich bin zu viel“. Solche Überzeugungen können schon sehr lange zu uns gehören und beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen und bewerten. Wenn ich tief in mir davon überzeugt bin, nicht gut genug zu sein, werde ich vermutlich besonders sensibel für Erfahrungen sein, die genau dazu passen. Auf diese Weise können sich alte Überzeugungen immer wieder selbst bestätigen, obwohl es genauso Erfahrungen gibt, die eine andere Geschichte erzählen könnten.

Spannend finde ich dabei die Frage, was uns eine solche Haltung über die Jahre auch gebracht hat. Eine Überzeugung, die uns heute einschränkt, kann uns früher Orientierung oder Schutz gegeben haben, und manchmal haben wir durch sie sogar Fähigkeiten entwickelt, die uns heute zugutekommen. Gleichzeitig kann sie irgendwann sehr viel Energie kosten oder unseren Spielraum kleiner machen. In meiner Coachingausbildung haben wir dafür gerne das Bild vom Umtopfen benutzt: Eine Pflanze kann lange wunderbar in einem Topf wachsen und irgendwann so groß geworden sein, dass ihre Wurzeln immer wieder an dessen Begrenzung stoßen. Dafür trägt die Pflanze keine Schuld. Und auch der alte Topf war nicht falsch. Er passt nur heute nicht mehr.

Für uns kann das heißen, eine alte Überzeugung über uns selbst zu erweitern und uns ein bisschen mehr Raum zu erlauben. Vielleicht war Sicherheit lange enorm wichtig für mich und irgendwann merke ich, dass ich mir heute zusätzlich zutraue, etwas Neues auszuprobieren. Vielleicht habe ich gelernt, es möglichst allen recht zu machen, und entdecke irgendwann, dass meine eigenen Bedürfnisse ebenfalls Platz haben dürfen. Dann ist Zeit zum Umtopfen. Dafür muss sich im ersten Moment im Außen noch gar nichts verändern. Manchmal verschiebt sich zuerst die eigene Haltung und wir erleben dieselbe Situation plötzlich anders. Und manchmal führt genau diese innere Bewegung später dazu, dass wir auch im Außen andere Entscheidungen treffen.

Der alte Topf war nicht falsch. Er passt nur heute nicht mehr.

Wenn uns die Richtung im Leben fehlt

Unzufriedenheit kann auch damit zusammenhängen, dass wir gar nicht richtig wissen, wo wir eigentlich hinwollen. Wir merken vielleicht ziemlich deutlich, dass sich etwas nicht mehr stimmig anfühlt, haben aber keine Vorstellung davon, wie unser Leben stattdessen aussehen könnte. Ich finde den Gedanken einer Vision deshalb hilfreich, ohne dass daraus gleich ein minutiöser Fünfjahresplan werden muss. Wir können uns fragen, wie wir leben möchten, welche Werte darin eine Rolle spielen und wie wir uns in unserem Alltag häufiger fühlen wollen. Daraus kann nach und nach eine Richtung entstehen. Und wenn wir eine ungefähre Vorstellung davon haben, wo es hingehen könnte, lässt sich von dort aus zurückschauen: Was wäre ein erster Schritt, der mich ein kleines Stück näher dorthin bringt?

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Trotzdem müssen wir diese Antwort nicht sofort kennen. Manchmal ist es schon ein großer Schritt, sich einzugestehen: Ich bin gerade unzufrieden und ich weiß noch nicht genau, was daraus folgt. Dieses Vakuum eine Weile auszuhalten, kann unangenehm sein, weil das Vertraute uns Sicherheit gibt und wir gerne wissen möchten, wie es weitergeht. Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass wir gar kein komplett anderes Leben brauchen und sich vor allem unser Blick auf das Bestehende verändert hat. Vielleicht wird ein kleiner Teil unseres Alltags anders. Und manchmal wird tatsächlich deutlich, dass ein größerer Neuanfang oder eine Neuorientierung im Leben ansteht.

Ich glaube auch nicht, dass wir für einen solchen Neuanfang irgendwann zu alt sind. Natürlich verändern sich unsere Möglichkeiten und Rahmenbedingungen im Laufe des Lebens, und die dürfen wir realistisch mitdenken. Trotzdem wäre es schade, eine Veränderung allein deshalb auszuschließen, weil wir 42, 52 oder 62 sind und glauben, dass bestimmte Entscheidungen inzwischen nicht mehr vorgesehen sind. Gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie ein Leben abzulaufen hat, wirken oft viel stärker auf uns, als wir bewusst wahrnehmen. Sich davon zu lösen, kann ein längerer Prozess sein. Und vielleicht gehört zur eigenen Lebensgestaltung manchmal auch die Erkenntnis, dass unser Leben nicht genauso aussehen muss, wie wir es einmal geplant hatten oder wie wir glauben, dass es in unserem Alter aussehen sollte.

Am Ende gibt es für mich deshalb keine eindeutige Antwort auf die Frage, was wir tun sollten, wenn wir mit unserem Leben unzufrieden sind. Wir können dankbar sein und trotzdem spüren, dass etwas nicht mehr passt. Wir können Genügsamkeit üben und trotzdem Wünsche haben. Wir können an unserer inneren Haltung arbeiten und irgendwann feststellen, dass wir auch im Außen etwas verändern möchten. Und wir dürfen eine Weile dazwischen sein, ohne schon zu wissen, wie die nächste Version unseres Lebens aussieht. Vielleicht müssen wir die Unzufriedenheit gar nicht möglichst schnell loswerden. Wir können ihr erst einmal zuhören und herausfinden, was sie uns eigentlich erzählen möchte.

Du merkst, dass etwas in deinem Leben nicht mehr richtig passt, weißt aber noch nicht genau, was?

Im systemischen Coaching können wir gemeinsam sortieren, was hinter diesem Gefühl steckt und welche Veränderung sich für dich stimmig anfühlen könnte.

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